Kann ein Flusskrebs Angst haben?
Kann ein Flusskrebs Angst haben? Tierversuche als Übersetzungen tierischer Gesichtspunkte und ihre Konsequenzen
von Alexander Lieven
Wer schon einmal einen Flusskrebs im flachen Wasser der Uferregion entdeckt hat, kennt es: Das unter einem umgedrehten Stein zum Vorschein gekommene Tier flieht rückwärts mit ruckartigen Schlägen seines Hinterleibs, an dessen Ende das letzte Pleopodenpaar zu diesem Zweck an der Bildung einer horizontalen Schwanzflosse beteiligt ist. Blieb die Flucht aus und näherte sich die ausgestreckte Hand des Entdeckers, nahm das Tier mit dem Aufrichten und Spreizen der Scheren eine unverkennbare Abwehrhaltung ein. Man konnte mutmaßen, was in dem Tier vorging: Hatte es Angst? Wurde es aggressiv? Wären das angemessene Worte zur Beschreibung seines Verhaltens gewesen? Oder reagierte es bloß wie ein Automat auf die Reize, die das Entdeckt-Werden mit sich brachten.
Das sind Fragen, die in das Forschungsfeld der kognitiven Neurobiologie gehören. Grundlagenforschung zum Verständnis des tierischen Organismus. Und da die Forscher*innen den menschlichen Körper als einen auffassen, der dem der Tiere vergleichbar ist, kann solche Forschung auch immer eine Relevanz für Fragen an uns selbst haben. Denn ungern würden wir die Physiologie unseres Körpers an uns selbst erforschen, sofern dies erhebliche Einschränkungen unserer Rechte auf Freiheit und Unversehrtheit bedeuten würde. Aber welche Relevanz hätte denn die Frage „kann ein Flusskrebs Angst haben“ für uns selbst? Gehört so etwas wie Angst-haben-Können nicht gerade in den Bereich unseres inneren Erlebens, das wir wirbellosen Tieren für gewöhnlich absprechen? Gerade deshalb gelten ja für Fruchtfliegen und Fadenwürmer nicht dieselben Tierschutzbestimmungen wie für Wirbeltiere. Und wenn sich zeige ließe, dass die Biochemie der „Angst“ von Flusskrebsen dieselbe ist, wie bei uns? Hätte man dann wirbellose Modellorganismen zur Erforschung menschlicher Affekte, für die man nicht endlose Bewilligungsanträge ausfüllen müsste wie für Tierversuche mit Mäusen? Oder würden die Flusskrebse was ihren Schutzstatus angeht in die Wirbeltier-Liga aufsteigen.
Ein Tierversuch ist immer der Versuch, das Tier mittels ausgeklügelter Apparaturen dazu zu bringen, auf Forschungsfragen zu antworten. Johannes Müller, der deutsche Zoologe, nach dem unsere Begrüßungsvorlesung für Studierende benannt ist, die im Wintersemester ihr Studium beginnen, formulierte es 1824 so: „Man darf die Natur nur auf irgendeine Weise gewalttätig versuchen, sie wird immer in ihrer Not eine leidende Antwort geben (…).“ In diesem Zitat schwingt eine im frühen 19. Jahrhundert empfundene Skepsis daran mit, dass die allmählich aufkommende experimentelle Biologie allein die Funktionen des Körpers erklären kann. Die zu dieser Zeit bevorzugte Methode war die Naturbeobachtung (vor allem an Präparaten vorher getöteter Tiere). Nur diese, so dachte man, könne die Vorurteile vermeiden, die in einem Versuchsaufbau Gestalt annehmen. Trotzdem setzte sich das Experiment als Methode, die versucht, durch ständiges Variieren der Versuchsbedingungen und Kontrollversuche das plausibelste Vorurteil von vielen anderen weniger plausiblen zu trennen, am Ende durch.
Als Prozeduren, die Tieren Antworten abringen sollen, kann man Tierversuche als Übersetzungsversuche, und die Versuchsaufbauten zusammen mit ihren Versuchsprotokollen als „Stimmapparate“ verstehen, die Forscher*innen den Tieren gegeben haben, wie Bruno Latour es 2010 in seinem Buch „Das Parlament der Dinge“ ausgedrückt hat. Schauen wir uns einige Teile dieses Stimmapparats für den Versuch, den die französischen Neurobiologen Julien Baquét-Cazenave, Daniel Cattaert, Jean-Paul Delbecque und Pascal Fossat mit Exemplaren einer aus Nordamerika nach Europa eingeschleppten Flusskrebsart durchgeführt haben, genauer an:
Rote Amerikanische Sumpfkrebse wurde in Sümpfen in der Umgebung von Bordeaux gefangen und individuell in belüfteten Aquarien (50x30x30cm) gehalten. Die Aquarien standen in einem Raum mit 20°C und einem 12-stündigen hell / dunkel-Zyklus. Die Tiere wurden mit einem Überschuss an Futterpellets gefüttert. So wurden sie mindestens drei Wochen lang gehalten, bevor sie für die Versuche eingesetzt wurden, um ihre Lebensgeschichten, z.B. soziale Interaktionen vor dem Einfangen, zu „löschen“. Alle Experimente wurden in Übereinstimmung mit den Tierpflege-Richtlinien des Centre nationale de la recherche scientifique durchgeführt.
Für die „sozialen Interaktionen“ (Kämpfe, die in der Verlierern Angst auslösen sollten) wurden zwei männliche Flusskrebse mit 5-10% Gewichtsunterschied für 20 Minuten in andere „Kampf-Aquarien“ (33x32x20cm) gesetzt, die von oben beleuchtet waren. Auf den Bildsequenzen einer seitlich angebrachten Videokamera wurden folgende vorher definierte Verhaltensweisen protokolliert: Annäherung = wenn ein Krebs sich auf den anderen zubewegt, aber ohne ihn zu berühren; Angriff = wenn eine Annährung in einer Beschleunigung mit erhobenen Scheren und anschließendem Berühren oder Zupacken des „Gegners“ endet; Flucht = wenn ein Krebs der Annäherung oder dem Angriff des „Gegners“ ausweicht; „Schwanzschlag“ = wenn ein Krebs schnell flieht, indem der seinen Hinterleib unter die Brust schlägt und so rückwärts schwimmend entkommt.
Um das Verhalten von Flusskrebsen zu analysieren, die sich in einer neuen Umgebung befinden, wurden „Gewinner“, „Verlierer“ sowie Tiere ohne Kampferfahrung in ein Hell-Dunkel-Labyrinth gesetzt, wobei das Labyrinth nur aus vier 25 cm langen Kanälen bestand, die im rechten Winkel zueinander aus einem gemeinsamen Zentrum entspringen. Zwei der Kanäle waren abgedunkelt und die anderen zwei beleuchtet. Jedes der getesteten Tiere wurde zunächst für eine Minute im Zentrum des Labyrinths unter eine undurchsichtige Haube gesperrt und dann freigelassen. Anschließend wurde sein Erkundungsverhalten mit einer Videokamera aufgezeichnet.
Einigen der „Verlierer“ wurden unmittelbar nach dem 20-minütigen Aufenthalt in der Kampfarena in physiologischer Kochsalzlösung gelöstes Chlordiazepoxid durch die Intersegmentalhaut zwischen zwei Hinterleibssegmenten in die Muskulatur des Hinterleibs injiziert, bevor die Tiere in das „Labyrinth“ gesetzt wurden. Anderen Verlierern wurden direkt nach den 20 Minuten in der Kampfarena so schnell es geht die Gehirne entfernt, gewogen und jeweils in 1-normale Perchlorsäure überführt, um zur anschließend Serotoninbestimmung homogenisiert zu werden. [Die genaue Prozedur der Gehirnentnahme wird nicht weiter beschrieben, aber sehr wahrscheinlich wurden die Gehirne den noch lebenden Krebsen entfernt. Da Flusskrebse kein stark zentralisiertes Nervensystem haben, kann man sie z.B. nicht durch Abtrennen des Kopfes töten. Erstens haben sie keinen definierten Kopf und zweitens bliebe der restliche Körper, gesteuert durch die Ganglienpaare des Bauchmarks vital. Die schnellste Methode, einen Flusskrebs zu töten besteht darin, ihm das Blatt einer Schere in den Mund einzuführen und dann so schnell es geht, seine Bauchseite aufzuschneiden, um dabei Gehirn und Bauchmark weitgehend zu zerstören.]
Soweit die Zusammenfassung einiger Passagen des Material- und Methoden-Teils der Arbeit von Baquét-Cazenave et al. (2027). Wie bei allen Verhaltensexperimenten ist die Übersetzung schon in der Versuchsdurchführung eingeschrieben. Die Angst, nach der in dem hier geschilderten Versuch gefragt ist, wird durch das Zusammensetzen zweier ungleich großer Krebsmännchen auf der Fläche eines DIN-A4-Blatts provoziert und danach beim kleineren Krebs gemessen, der stets der Verlierer des in der beengten Situation unweigerlich einsetzenden Kampfes ist. (Das Autorenteam gibt auch zu, dass diese Anordnung Aggression und Fluchtverhalten wahrscheinlich künstlich verstärkt.) Man kann somit sagen, dass der Versuchsaufbau Aggression und Fluchtverhalten der Versuchstiere bereits verkörpert. Genauso verkörpert das Test-„Labyrinth“ das Erkundungsverhalten angstfreier Tiere sowie das Verweilen ängstlicher Tiere im Dunkeln: Die Verlierer halten sich signifikant seltener im beleuchteten Teil der kreuzförmigen Versuchsarena auf als die Gewinner oder solche Krebse, die einzeln gehalten wurden. Dieser Effekt lässt sich aufheben, indem man den Verlierern Chlordiazepoxid spritzt, ein Mittel, mit dem beim Menschen Angstzustände behandelt werden. Entsprechend reden die Wissenschaftler bei den Flusskrebsen von „angstähnlichem Verhalten“, das sie für „homolog mit menschlicher Angst“ halten.
Wie die französischen Philosophin Vinciane Despret 2012 in ihrem Buch „Was würden Tiere sagen, würden wir die richtigen Fragen stellen“ bemerkt hat, sollte man bei jeder Übersetzung der inneren Verfasstheit eines Tieres in ein Wort der menschlichen Sprache die Konsequenzen bedenken. Die Übersetzung der Versuchsergebnisse war für knapp 30 Flusskrebse dieser Studie fatal: Sie wurden getötet, um zu sehen, ob in den Gehirnen der Verlierer der Serotoningehalt erhöht ist, wie es bei vorhergehenden Versuchen mit anderen Stressfaktoren der Fall gewesen war. Und ihre noch lebenden und zukünftig auf die Welt kommenden Artgenossen wurden von den Autoren als „unerwartete“ potenzielle Modellorganismen für die Erforschung psychosozialer Störungen bei Menschen vorgeschlagen. Gemessen an dem für ihre Forschung formulierten Ausblick haben die Autoren vielleicht nicht an eine andere mögliche Konsequenz ihres Übersetzungs-Vorschlags gedacht: Ihre Studien lieferten (zusammen mit denen vieler anderer Autor*innen ) Argumente dafür, beim Umgang mit zehnfüßigen Krebsen ihr Tierwohl zu berücksichtigen, da es sich erwiesenermaßen um empfindungsfähige Tiere handelt.
Hinweise darauf, dass zehnfüßige Krebse (in diesem Fall Einsiedlerkrebse) Elektroschocks nicht nur spüren, sondern sich auch merken, wurden bereits 2009 veröffentlicht. Eine EU-Richtlinie von 2010 für den Schutz von Tieren, die zu wissenschaftlichen Zwecken genutzt werden, sieht vor, dass der Kreis von Tieren, die diesen Schutz genießen (Wirbeltiere, ihre Entwicklungsstadien und Tintenfische), je nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Empfindungsfähigkeit auf nationaler Ebene erweitert werden kann. So gilt in Deutschland seit 2013 eine Anzeige-, jedoch keine Genehmigungspflicht für Versuche an zehnfüßigen Krebsen. Die im gleichen Jahr erfolgte Umsetzung der EU-Richtlinie im Code rural et de la pêche maritime, der die französischen Bestimmungen zu Tierversuchen regelt, lässt die Erwähnung zehnfüßiger Krebse dagegen bis heute vermissen.
Andere Konsequenzen aus der Einschätzung von zehnfüßigen Krebsen als empfindungsfähige Tiere beziehen sich auf ihre Haltung und Tötung zu kulinarischen Zwecken sowie auf den Umgang mit invasiven Arten aus dieser Gruppe. Die Evaluation der Literatur zur Empfindungsfähigkeit von Tintenfischen und zehnfüßigen Krebsen von Jonathan Birch und Mitarbeitern von 2021 war die Grundlage dafür, dass diese Tiere als empfindungsfähige Lebewesen im britischen Tierwohlgesetz von 2022 berücksichtigt wurden. Auch in der Schweiz wurde 2018 ein Verbot des Tötens von zehnfüßigen Krebsen in kochendem Wasser ohne vorherige Betäubung vom Gesetzgeber umgesetzt. Damit sind in diesem Land auch Ausrottungs-Maßnahmen für den Roten amerikanischen Sumpfkrebs, der in Europa als invasive Art eingestuft ist, tierschutzrechtlich nicht mehr möglich, wenn sie für die Tiere qualvolle Prozeduren beinhalten. Wie in Berlin kam auch in Zürich die Idee auf, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem man Rote Amerikanische Sumpfkrebse auf die Speiskarten gastronomischer Betriebe setzte. (In Berlin wurden die Tiere als „Berlin Lobster“ vermarktet.) Nun schreibt das Schweizer Tierschutzgesetz vor, dass Krebse vor dem Töten in kochendem Wasser zunächst durch einen Elektroschock betäubt werden müssen. Die Mehrkosten für das hierzu nötige Gerät machten die Lösung des Problems mit invasiven Krebsen durch ihren Verzehr unrentabel. Ein 2024 in Deutschland vorgeschlagener Gesetzentwurf zur Änderung des Tierschutzgesetztes sah ebenfalls vor, zehnfüßigen Krebsen (wie auch Kopffüßern) einen ähnlichen Schutz wie Wirbeltieren zukommen zu lassen. Der Entwurf wurde nach dem Bruch der Ampelkoalition jedoch fallengelassen.
Was sagt uns diese erstaunliche Geschichte über den Tierversuch mit den Flusskrebsen? Sie erzählt uns etwas über Distanzen in unserem Verhältnis zu Tieren. Das Versuchstier soll uns einerseits so ähnlich wie nötig sein, um Ergebnisse aus Versuchen mit ihm auf uns übertragen zu können und andererseits so unähnlich wie möglich, dass wir uns keine allzu großen Sorgen über sein Leiden machen müssen. Aber sollte die Angst der Flusskrebse tatsächlich mit der des Menschen im stammesgeschichtlichen Sinn homolog sein, d.h., von ihrem letzten gemeinsamen Vorfahren (dem Vorfahren aller zweiseitig-symmetrischen Tiere) herstammen, dann müssten alle zweiseitig-symmetrischen Tiere, wie Plattwürmer, Schnecken und Seeigel (und auch die Fruchtfliege und der Fadenwurm) Angst haben können. Das sehen auch Julien Baquét-Cazenave und seine Mitarbeiter so, wenn sie hervorheben, dass ihre Ergebnisse auf eine frühe evolutionäre Entstehung der Basis für innerartliche Aggression und ihrer angstmachenden Konsequenzen hindeuten. Die Konsequenz wiederum aus dieser teilweisen Vermenschlichung fast des gesamten Tierreichs kann unterschiedlich gezogen werden. Erweitert sie das Feld geeigneter Versuchstiere für die Erforschung menschlicher Affekte oder erhöht sie die Hürden, um in Zukunft an Wirbellosen forschen zu dürfen? Letzteres ist in der Schweiz und in geringerem Ausmaß in Deutschland der Fall, in Frankreich und Großbritannien hingegen noch nicht.
Insgesamt betrachtet, bekommt man den Eindruck, dass Tierversuche mehr über uns selbst erzählen als über die Tiere. Egal, ob die Ergebnisse von Tierversuchen zum Beweis der Eignung bestimmter Tiere als Modellorganismen oder zur Verbesserung ihres Schutzstatus herangezogen werden, es ist die experimentelle Wissenspraxis, die für die Entscheidungsfindung als grundlegend erachtet wird. Man muss dem Tier Angst machen und die Biochemie seiner Angst untersuchen, um zu wissen, dass es wie wir Angst haben kann. Man muss wissen, dass das Tier wie wir Angst haben kann, um Argumente für einen besseren Umgang mit ihm zu finden. Die Reihenfolge ist entscheidend: Sind die Fragen des Tierwohls die Folgen des nach der Forschung aufkommenden schlechten Ge-wissens gegenüber unserer Forschungspraxis oder basiert unsere Forschungspraxis auf vor der Forschung geltenden Prinzipien des Tierwohls? Unsere Institutionen wie Universitäten, Expertenkommissionen und Parlamente haben sich für die erste Variante entschieden, d.h., Tierwohl kann nur aufgrund von Wissen berücksichtigt werden, dass aus Forschung hervorgeht, die im Nachhinein betrachtet unter Umständen genau dieses Tierwohl brutal missachtet hat. Um es mit Johannes Müller zu sagen: Wir haben uns entschieden, die leidenden Antworten der Natur zur Voraussetzung dafür zu machen, sie besser zu behandeln.

