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Naturwissenschaften in Dahlem

Pharmazeutisches Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin um 1910

Pharmazeutisches Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin um 1910

Wo heute Wissenschaftler und Studierende aus aller Welt ein und ausgehen, weideten einst Schafe und Kühe. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Dahlem, seit 1841 „Königliche Domäne“, noch ein beschaulicher Ort mit 170 Einwohnern und lag „vor der Stadt“. Doch ein ehrgeiziger Ministerialdirektor hatte einen Traum – von einem „Deutschen Oxford“. Der Wandel vom Bauerndorf zum Villen- und Wissenschaftsviertel begann mit der Verlegung des Botanischen Gartens nach Dahlem. Auf seinem Gelände entstand 1902 das Pharmazeutische Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin.

1911 gründete Wilhelm II. die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (KWG). Auf dem Gelände der Domäne entstanden in den Folgejahren diverse Institute – unter anderem für Chemie, Physikalische Chemie und Elektrochemie, Physik sowie die Biologische Reichsanstalt (heute Julius-Kühn-Institut).

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Carl Mannich im Labor

Pharmazeuten erhielten nun unter der Leitung von Herrmann Thoms erstmals eine gründliche Ausbildung, prüften „Geheimmittel“ und „Spezialitäten“ auf ihre Wirksamkeit und bauten in den Institutsgärten Arzneipflanzen an. 1927 wurde Carl Mannich Direktor. Er wurde bekannt durch seine Arbeiten über Cyclohexane, ungesättigte Amine, herzwirksame Glykoside und Opiumalkaloide. Die nach ihm benannte Kondensationsreaktion zählt bis heute zu den wichtigsten Reaktionen der Chemie.

Zur gleichen Zeit arbeiteten in den Kaiser-Wilhelm-Instituten Wissenschaftler, welche die Naturwissenschaften des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägen sollten. Etwa Fritz Haber (Nobelpreis 1918), Gründungsdirektor des KWI für Physikalische Chemie und Elektrochemie. Er studierte die Thermodynamik von Gasreaktionen, entwickelte Kampfgase für den Fronteinsatz im 1. Weltkrieg und arbeitete an den Grundlagen von Kolloidchemie und Kristallstrukturanalyse.

Am benachbarten KWI für Chemie forschten Ernst Beckmann und Richard Willstätter (Nobelpreis 1915 für die Aufklärung der Chlorophyllstruktur). Die Radiochemie unterstand Otto Hahn (Nobelpreis 1944), der gemeinsam mit Lise Meitner und Fritz Strassmann 1938 erstmals die Kernspaltung nachwies.

Am Institut für Pflanzenphysiologie (der Friedrich- Wilhelms Universität) unternahm Gottfried Haberlandt zwischen 1910 und 1923 erste Kulturversuche an isolierten Pflanzenteilen und erforschte Phytohormone. Am Zoologischen Institut wirkte ab 1918 Willy Kükenthal. Er wurde für seine Arbeiten über Meeressäuger bekannt. Sein „Leitfaden für das zoologische Praktikum“ erscheint bis heute.

Die Dahlemer Wissenschaft hat jedoch eine dunkle Seite: Namhafte Forscher unterstützten mit ihrer Arbeit Rassenwahn und Kriegsmaschinerie der Nationalsozialisten*. 1948 wurden etliche Gebäude der KWG – inzwischen aufgegangen in der Max-Planck-Gesellschaft – von der gerade gegründeten Freien Universität Berlin übernommen. Thematisch knüpften viele Forschergruppen an die Arbeiten ihrer Vorgänger in den KWI an. Auf einigen Gebieten – etwa der Radiochemie, Naturstoffsynthese, der systematischen und phylogenetischen Evolutionsforschung oder der pharmazeutischen Biologie – arbeiten Dahlemer Naturwissenschaftler noch immer. Dies sowohl an der Freien Universität als auch in den benachbarten Max-Planck-Instituten.

Heute verfügt der Fachbereich über ein breit gefächertes Themenspektrum, das klassische wie neuere Gebiete vereint und mit anderen Disziplinen – beispielsweise der Medizin, Physik oder Informatik – in vielfältiger Weise vernetzt ist.


* http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/KWG/projects.htm

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Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie – heute Otto-Hahn-Bau der Freien Universität

 

 

Letzte Aktualisierung: 16.07.2012

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